- Bild: Nils Bettinger
Blockade im BoGi’s: Ehrenamtliche Musikprojekte scheitern
Der Verein „Musik aus Deutschland e.V.“ wirft der Stadt vor, Angebote für Kinder und Jugendliche trotz passender Konzepte auszubremsen. Julia Neigel und Purple Schulz als Fürsprecher.
- 01.01.2026 um 20:20
- Castrop-Rauxel
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Jetzt Newsletter abonnierenAls der Kulturverein „Musik aus Deutschland e.V.“ Anfang 2024 seine Konzepte im Jugendamt vorstellt, klingt es zunächst nach einer klassischen Win-win-Idee: Ehrenamtliche Angebote sollen das Programm im Jugendzentrum „BoGi’s“ an der Leonardstraße ergänzen – mit einem generationenübergreifenden Tanztee, einer Mehrgenerationen-Band und Unterrichtsangeboten für Kinder aus sozial schwachen und geflüchteten Familien. Nach Darstellung des Vereins passen die Projekte inhaltlich zum Kinder- und Jugendförderplan der Stadt und sollen ohne Kosten für die Kommune umgesetzt werden.
Doch aus einer vermeintlich naheliegenden Zusammenarbeit wird eine monatelange Auseinandersetzung – mit verpassten Terminen, abreißender Kommunikation, einem gescheiterten Vermittlungsversuch und dem Vorwurf, die Verwaltung lasse ein Jugendprojekt „am langen Arm verhungern“.
Ein Musikraum, der da ist – und Projekte, die nicht stattfinden
Für den Verein ist der Ort eigentlich ideal: Im BoGi’s gibt es nach eigenen Angaben einen vollständig ausgestatteten Musikraum. Nach Darstellung von „Musik aus Deutschland e.V.“ werde dieser Raum jedoch bislang wenig genutzt und teilweise zweckentfremdet. Genau dort sollten Jugendliche künftig nicht nur musizieren, sondern auch Einblicke in Konzertorganisation, Ton- und Lichttechnik erhalten – und bei der Mehrgenerationen-Band sogar von Gastdozenten aus der Musikszene profitieren.
Der Start: ein Termin, der platzt – und ein Ton, der schärfer wird
Für die praktische Umsetzung vermittelt das Jugendamt den Vereinsmitgliedern Christian und Dietmar den Kontakt zu einem Mitarbeiter des Jugendzentrums, der für Freizeitangebote zuständig ist. Nach Angaben des Vereins beginnt die Zusammenarbeit holprig: Beim ersten Treffen im März 2024 erscheint der Mitarbeiter demnach nicht und sagt den Termin auch nicht ab. In einem späteren Gespräch habe er wenig Interesse gezeigt und die Vereinsvertreter aufgefordert, sich mit fertigen Konzepten erneut zu melden, um dann Termine abzusprechen.
In den folgenden Monaten sei der Mitarbeiter kaum erreichbar gewesen, schildert der Verein. Kurz vor den Sommerferien 2024 komme zwar noch einmal ein Gespräch zustande – dort habe es dann geheißen, man habe sich intern noch nicht mit dem Thema beschäftigt und könne vor den Ferien keine Termine abstimmen. Der Ton sei zunehmend unfreundlich geworden.
Als der Vereinsvorsitzende Christian Reder schließlich das Jugendamt über die Schwierigkeiten informiert, eskaliert die Situation aus Sicht des Vereins weiter: Der Mitarbeiter habe ihm in einer Nachricht mitgeteilt, er solle nicht glauben, noch einmal in „dessen Haus“ zu kommen, weil er sich nicht bei Vorgesetzten „anschwärzen“ lasse. Die Mitteilung sei kurz darauf gelöscht worden. Im Anschluss habe das Jugendamt erklärt, eine Zusammenarbeit mit dem Verein sei nun doch nicht möglich.
Mediation ohne Durchbruch – die Rolle der Jugendamtsleitung
Der Verein schaltet daraufhin die Lokalpolitik ein. Nach eigener Darstellung organisiert ein Ratsmitglied der FDP ein klärendes Gespräch zwischen allen Beteiligten. Im Spätsommer 2024 treffen sich Vertreter der FDP, des Jugendamts – darunter die Leiterin Regina Kleff – und des Vereins zu einem Vermittlungsgespräch. Seitens des Jugendamtes sei dabei das Verhältnis zum Mitarbeiter des Jugendzentrums als Hauptproblem benannt worden. Ein klarer Durchbruch bleibe jedoch aus.
Tanztee läuft an – und wird zum Erfolg
Im Herbst 2024 erhält der Verein schließlich die Genehmigung, den Tanztee testweise im BoGi’s zu veranstalten. Nach Darstellung des Vereins gelingt das vor allem durch die Fürsprache des FDP-Ratsmitglieds. Der Tanztee findet bis Frühjahr 2025 regelmäßig sonntags statt – ohne Beteiligung der Belegschaft des BoGi’s und in Eigenregie des Vereins sowie des Bürgerfernsehens CAS-TV. Der Zuspruch sei so groß gewesen, dass zeitweise sogar ein Einlassstopp verhängt werden musste, heißt es. Im Mai 2025 wird das Format in eine größere Location verlegt und seitdem gemeinsam mit einer lokalen Tanzschule fortgeführt.
Für den Verein ist das der Beweis, dass die Konzepte funktionieren. Umso größer ist nach eigener Darstellung die Enttäuschung, dass weitere Projekte – insbesondere die geplante Mehrgenerationen-Band – nicht in Gang kommen. Anfragen seien entweder unbeantwortet geblieben oder erst Wochen später ohne konkrete Entscheidung beantwortet worden. Ein von der Jugendamtsleitung angeregtes Gespräch habe am Ende ebenfalls nicht stattgefunden.
Prominente Unterstützung – und ein Interview mit Julia Neigel
Brisant wird die Geschichte auch, weil sich inzwischen prominente Musiker als Fürsprecher gemeldet haben. Mehrere bekannte Namen – darunter Julia Neigel und Purple Schulz – hätten zugesagt, die Mehrgenerationen-Band zu unterstützen und mit Jugendlichen zu arbeiten, so der Verein. Julia Neigel ist eine deutsche Sängerin und Songwriterin. Purple Schulz ist ein deutscher Musiker, der unter anderem mit dem Song „Sehnsucht“ bekannt wurde.
Nach Angaben des Vereins habe Purple Schulz in einem Gespräch mit Christian Reder erklärt, er könne sich vorstellen, selbst im Rathaus vorstellig zu werden, um das Problem persönlich zu klären.
Mit Julia Neigel hat CASNews zudem ein Interview geführt. Darin machte sie deutlich, dass sie die Idee für richtig hält – und dass kulturelle Angebote für junge Menschen nicht an persönlichen Konflikten scheitern dürften. Neigel kritisierte im Gespräch, Kultur dürfe nicht nach dem Prinzip „Sympathie oder Antipathie“ verteilt werden. Sie sprach von Willkür, wenn öffentliche, durch Steuergelder finanzierte Einrichtungen Kooperationen ohne nachvollziehbare sachliche Gründe blockieren. Zudem verwies sie auf den Gedanken der kulturellen Teilhabe als gesellschaftliche Verpflichtung und betonte, dass gerade dort, wo Musikunterricht in Schulen häufig ausfällt, zusätzliche Angebote wichtiger denn je seien.
Irritation über eine Veranstaltung im BoGi’s
Zusätzliche Irritation entstand nach Darstellung des Vereins durch eine Veranstaltung im BoGi’s, die nach seiner Wahrnehmung privat organisiert gewesen sei: Dort habe ein öffentliches Rudelgucken zur TV-Sendung „The Voice“ stattgefunden. Auf Pressefotos seien ausschließlich Erwachsene zu sehen – keine Kinder und Jugendlichen. Wie das in den Kinder- und Jugendförderplan passe, habe sich dem Verein nicht erschlossen. Eine Stellungnahme des Jugendamts habe es auf Nachfrage erneut nicht gegeben.
Kritik an der Verwaltung – und die Forderung nach Aufklärung
Der Verein spricht von einem widersprüchlichen Signal: Einerseits existiere ein passender Förderplan, andererseits werde ein kostenfreies Angebot blockiert, das Jugendlichen kreative Möglichkeiten eröffnen könne. Besonders irritierend sei, dass persönliche Konflikte – so die Darstellung – eine sachlich sinnvolle Zusammenarbeit verhinderten und ein einzelner Angestellter durch die Verwaltung gedeckt werde. Das Jugendamt habe sich bislang nicht umfassend zu dem Vorgang geäußert, heißt es im Beitrag.
Christian Reder kündigte laut Verein an, das Thema notfalls auch juristisch weiterzuverfolgen. Zudem wolle man einen Belegungsplan anfordern, um offenzulegen, was im Jugendzentrum in den vergangenen Jahren tatsächlich angeboten wurde, was derzeit stattfindet und in welchem Umfang. Eine Dienst- und Fachaufsichtsbeschwerde gegen die Jugendamtsleiterin Regina Kleff sei bereits eingereicht worden.
Neuer Ort, neuer Anlauf: Neustart ab 2026 in einem Gemeindehaus
Während das Projekt im BoGi’s auf der Stelle tritt, hat sich nach Angaben des Vereins inzwischen eine Alternative eröffnet: Eine Castrop-Rauxeler Kirche habe Räume angeboten. Nach einem Treffen mit dem Kirchenvorstand habe man sich schnell geeinigt, die Vorhaben ab 2026 im Gemeindehaus umzusetzen. Der Verein dankt in seinem Beitrag ausdrücklich Pfarrer Wittekind und dessen Kollegen.
Für den Verein ist das einerseits eine „Zuflucht“, andererseits bleibt der Kernkonflikt bestehen: Warum ist ein ehrenamtliches Angebot, das nach eigener Darstellung inhaltlich exakt zum städtischen Förderplan passt, in einer steuerfinanzierten Einrichtung nicht dauerhaft verankert worden? Eine Antwort darauf steht weiterhin aus.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag von Frank Kinzig sowie Angaben des Kulturvereins „Musik aus Deutschland e.V.“.
Transparenzhinweis: Der Autor des Artikels ist das im Artikel erwähnte Ratsmitglied der FDP und hat sich in den zugehörigen politischen Gremien für die Umsetzung der Vereinsideen eingesetzt.
- Quelle(n):
Autor
Nils Bettinger
Gründer und Redaktionsleiter.
Hält den Kopf für alles hin.
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