„Wir sind sicher, daß der Mörder von Henrichenburg aus Castrop-Rauxel stammt!“
„CASNews Crime", Teil I: Tödlicher Banküberfall im Juli 1969
- 18.10.2026 um 08:20
- Castrop-Rauxel
Welche längst vergangenen Mordfälle gab es in Castrop-Rauxel? Was ist passiert? Wie liefen die Ermittlungen? Wurden die Täter gefasst? Die Serie „CASNews Crime“ geht diesen Fragen nach. Wir suchten nach Antworten und begaben uns im Zeitungsarchiv des Stadtarchivs auf Spurensuche. Dafür war es unerlässlich, exakte Daten zu haben. „Sonst sucht man sich einen Wolf", weiß Stadtarchivar Thomas Jasper. Unsere Serie startet mit dem Banküberfall von 1969.
„Bankräuber löscht auf der Flucht ein Menschenleben aus“, „Kassendirektor erschossen“, „Bankräuber schoß sich Fluchtweg frei“, titelten Ruhr Nachrichten und WAZ am 15. Juli 1969.
Einen Tag zuvor hatte sich an der Volksbank in Henrichenburg – damals hieß sie noch Spar- und Darlehenskasse (SparDaKa) Henrichenburg und befand sich an der Henrichenburger Straße – ein Banküberfall ereignet, bei dem der damalige Bankdirektor Josef Lattmann (47) ums Leben kam. „Ein über seine Pflicht hinausgehender Einsatz kostete ihn das Leben“, schrieben die Ruhr Nachrichten.
Szenen wie im Krimi
Um 16:40 Uhr, 20 Minuten vor Kassenschluss, betrat ein Mann die Bankfiliale. „Die Szenen, die sich Minuten später abspielten, könnten in jeden Kriminalfilm passen“, befand die WAZ. Und weiter: „Ein unbekannter Kunde tritt an die Theke, er hält beide Hände in den Taschen. Plötzlich zieht er eine Pistole und richtete sie auf die vier Angestellten: ‚Geld her!‘“ Der Kassierer sei kein Risiko eingegangen und habe dem Bankräuber 5000 DM in kleinen Geldscheinen über die Theke gereicht. Mehr Geld liege nicht im Schubfach in der Kasse. Der Täter habe daraufhin nach dem Tresorraum gefragt, es sich dann jedoch anders überlegt und das Geldinstitut verlassen. Der Bankdirektor aus Waltrop, Vater von drei Kindern, habe sich im Hinterzimmer aufgehalten, jedoch mitbekommen, was sich in der Bank abspielte. Er habe seine Dienstwaffe gegriffen, einen Nebeneingang genommen und den Täter verfolgt. „Als er ihn aufforderte, stehen zu bleiben, feuerte der Räuber und traf den Bankdirektor in Brust und Kopf“, schilderten die Ruhr Nachrichten das Geschehen. Josef Lattmann erlag seinen Verletzungen.
19-Jähriger verfolgte Täter
Der Täter floh auf einem Moped. Ein 19-jähriger „Arbeiter auf der Zeche Erin“ riskierte ebenfalls sein Leben, als er mit seinem Motorrad die Verfolgung des Täters aufnahm und ihm den Weg abschneiden wollte. „Nachdem er den auf einem Moped mit gestohlenem Kennzeichen Flüchtenden überholt hatte, brach er von Schüssen in den Rücken getroffen zusammen.“ Der 19-Jährige wurde lebensgefährlich verletzt. „Die Operation auf Leben und Tod dauerte über drei Stunden.“ Der junge Mann überlebte.
Auch Autofahrer nahm Verfolgung auf
Auf seiner Flucht habe der Mörder sein Moped in Höhe des Verwaltungsgebäudes der Gewerkschaft Victor stehen lassen müssen. Ein Autofahrer, der Zeuge der Schüsse auf den 19-Jährigen geworden sei, habe den Täter verfolgt und in den Straßengraben gedrängt. Dort ließ dieser sein Moped zurück und floh in die umliegenden Wälder. Mit einem Großaufgebot – Polizeistaffeln, Hunde und ein Hubschrauber kamen zum Einsatz – wurden das Grutholz und der Beerenbruch durchkämmt. Vom Täter fehlte jedoch jede Spur.
Zwei Moped-Diebstähle vor dem Überfall
Ganz konnte der Täter seine Spuren aber nicht verwischen. Wenige Tage vor der Tat war ein Moped der Marke Kreidler aus dem Fahrradraum des Luftschachtes der Zeche Erin an der Heinrichstraße auf Schwerin gestohlen worden. Mit dem anthrazitfarbenen Moped mit gelbem Tank floh der Täter nach dem Bankraub. Vier Tage vor dem Überfall hatte ein Bergmann einen verdächtigen Mann mit Sonnenbrille beobachtet, der zwischen 5:20 Uhr und 5:30 Uhr am Luftschacht „herumgestrichen“ sei und den er noch nie zuvor dort gesehen habe. Am selben Tag verschwand das Moped. Die Personenbeschreibungen von Mopeddieb und Bankräuber stimmten überein. Die Polizei ging daher „mit großer Gewissheit" davon aus, dass der Mopeddieb der Bankräuber war.
Zwei Nächte vor besagtem Moped-Diebstahl war aus dem genannten Fahrradraum ein weiteres Moped verschwunden, das schließlich in einem Weizenfeld gefunden wurde – die Versicherungsnummer fehlte. Und eben diese Nummer befand sich an dem Moped, das der Bankräuber nach der Tat nutzte. „Wir sind sicher, daß der Mörder von Henrichenburg aus Castrop-Rauxel stammt!“, erklärte die Kripo.
Über 100 Hinweise und eine Festnahme
Nach der Tat gingen über 100 Hinweise bei der Polizei ein. Ein vorübergehend festgenommener Mann wurde „nach pausenlosem Verhör und einer Gegenüberstellung mit Tatzeugen“ wieder auf freien Fuß gesetzt. „Er kann nicht der Täter sein“, so die Polizei.
Gekennzeichneter 20-DM-Schein
Ein gekennzeichneter 20-DM-Schein brachte eine weitere vermeintlich heiße Spur. Ein Kunde hatte den Geldschein mit einer Zahl gekennzeichnet und rund eine Stunde vor dem Überfall bei der Bank eingezahlt. Genau dieser Geldschein schien Teil der Beute zu sein, und er tauchte schließlich in einer „Konsumfiliale“ in Suderwich auf. Ein Arbeiter hatte ihn in Zahlung gegeben, doch der Mann schied als Täter aus. Zudem ging die Kripo davon aus, dass es sich nicht um den Geldschein aus Henrichenburg handelte, sondern um eine Nachahmung. Dies berichtete die WAZ am 28. Juli. Einen Tag später wurde bekanntgegeben, dass „die Sonderkommission Datteln der Recklinghäuser Kriminalpolizei nach 14tägiger Tätigkeit im Polizeiamt Castrop-Rauxel“ die Stadt wieder verlasse. Die Fahndung wurde nun von Recklinghausen aus weiter betrieben, wobei ein Teil der Sonderkommission offenbar zunächst noch in Castrop-Rauxel blieb.
Waffe blieb verschwunden
Die Kriminalpolizei vermutete, dass sich der Täter nach wie vor in Castrop-Rauxel aufhalte. „Miteinbezogen werden auch die Randgebiete der Nachbarstadt Dortmund wie Bodelschwingh und Mengede“. Die Polizei teilte zudem mit, dass es weiterhin keine konkreten Hinweise auf die Tatwaffe, eine „Astra“ oder „Unique“, und deren Verbleib gebe.
Fahndungsfoto und Pflaster
Eine Personenbeschreibung des Täters lag schnell vor. Er sei etwa 30 Jahre alt, trug einen dunklen Anzug, war ca. 1,70 bis 1,75 Meter groß, hatte ein stark gebräuntes Gesicht und dunkles Haar, das ohne Scheitel nach hinten gekämmt war. Am Hinterkopf sei das Haar sehr lang gewesen, hieß es. Hinzu kam, dass der Täter bei dem Überfall „vermutlich zur Tarnung“ ein Pflaster am Mundbereich getragen habe („viereckig, in der Größe einer Briefmarke mit abgerundeten Ecken am rechten Mundwinkel“). Trug er das Pflaster, um eine falsche Fährte zu legen oder, um ein Muttermal bzw. ein anderes auffälliges Merkmal zu verbergen? Diese Fragen stellen sich beim Lesen der alten Zeitungsartikel, sie wurden von der Polizei jedoch öffentlich nicht aufgeworfen.
Junger Mann hatte frappierende Ähnlichkeit mit Täter
Mitte August ging die Polizei dann mit einem Fahndungsfoto an die Öffentlichkeit. Wie es dazu kam, war durchaus kurios: Ein 23-jähriger Dortmunder hatte offenbar frappierende Ähnlichkeit mit dem Bankräuber, konnte selbst jedoch als Täter ausgeschlossen werden. Der 23-Jährige stellte der Polizei ein Foto von sich zur Verfügung – und mit diesem wurde nach dem Bankräuber gefahndet.
Belohnung von 8000 DM ausgelobt und „Aktenzeichen XY ... ungelöst"
Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führten, wurde eine Belohnung von 8000 DM ausgelobt, doch auch das führte nicht zur Ergreifung des Täters. Am 10. Oktober 1969 wurde der Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ aufgegriffen. Ruhr Nachrichten und WAZ berichteten einen Tag später. Nach der Sendung seien bei der Kripo 35 Hinweise eingegangen. Diese hätten sich größtenteils auf das Moped und den gekennzeichneten 20-Mark-Schein bezogen. Der zuständige Kriminalhauptkommissar Willi van der Felde äußerte die Hoffnung, dass der Fall doch noch aufgeklärt werde. Es kam anders – und so bleibt der tödliche Banküberfall ein „Cold Case“ in der Geschichte Castrop-Rauxels.
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- Quelle(n):
Autor
Nina Möhlmeier
Freie Mitarbeiterin
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