Freitag, 23. Oktober 2026
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Bild: CASNews / Nils Bettinger

Rollsystem in AWO-Kitas: Eltern fühlen sich im Stich gelassen

Eine Mutter aus Deininghausen berichtet, wie das neue Verfahren ihren Alltag als Berufstätige aus dem Gleichgewicht bringt

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„Wenn das so weitergeht, kann ich meinen Job kündigen.“ Mit diesen Worten beschreibt Jasmin Kasprzak, Mutter einer Tochter in der AWO-Kita an der Wittenberger Straße in Deininghausen, ihre Verzweiflung. Seit April gilt dort – wie in allen AWO-Kitas in Castrop-Rauxel – ein neues Rollsystem. Was nüchtern nach Verwaltungsmaßnahme klingt, hat für berufstätige Eltern gravierende Folgen.


Nach diesem System werden alle Kinder alphabetisch in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe darf im Wechsel die Einrichtung besuchen – unabhängig davon, ob die Eltern berufstätig sind oder nicht. Für Frau Kasprzak bedeutet das, dass ihre Tochter in der laufenden Woche lediglich an zwei Tagen in die Kita gehen darf. „Ich arbeite 35 Stunden in der Woche und bin dringend auf die Betreuung angewiesen. Früher war es selbstverständlich, dass bei Notbetreuung die Kinder berufstätiger Eltern Vorrang hatten. Jetzt wird so getan, als ob es keinen Unterschied macht, ob Eltern arbeiten oder zu Hause sind. Das ist eine Katastrophe für alle, die Beruf und Familie vereinbaren müssen.“


Viele Eltern teilen diese Sorgen. In Mails und Gesprächen schildern sie Zukunftsängste: Was passiert, wenn der eingeschränkte Betrieb über Monate anhält? Wie lange halten Arbeitgeber Verständnis aufrecht, wenn Beschäftigte ihre Arbeitszeiten immer wieder anpassen müssen oder kurzfristig ausfallen? „Wir stehen unter enormem Druck“, sagt Kasprzak. „Wenn ich nicht mehr zuverlässig arbeiten kann, verliere ich im schlimmsten Fall meine Stelle.“


Die AWO verweist auf gesetzliche Vorgaben. In einer Mitteilung an die Eltern heißt es, man sei verpflichtet, alle Kinder gleich zu behandeln und niemanden dauerhaft auszuschließen. Grundlage ist eine Orientierungshilfe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), die ausdrücklich untersagt, ausschließlich Kinder von Berufstätigen zu berücksichtigen, wenn das Personal knapp ist. „Wir verstehen die Sorgen der Eltern, müssen uns aber an diese Leitlinien halten“, betont Kira Viskorf, Koordinatorin im Fachbereich Süd der AWO.


Die Ursachen liegen im Personalmangel, der sich seit Jahren zuspitzt. Markus Wallmeier, Bereichsleiter Kinder und Familie, erklärt im Gespräch: „Wir haben oft mehr Personal als gesetzlich vorgeschrieben, aber wenn Krankheitswellen, Urlaub und Tariferhöhungen zusammenkommen, reichen diese Reserven nicht. Die Finanzierung über das Kinderbildungsgesetz setzt uns enge Grenzen.“ Zusätzliche Kräfte könne man sich schlicht nicht leisten, da die Landesregierung steigende Personalkosten nicht refinanziere. Selbst Rücklagen seien durch Tarifsteigerungen aufgezehrt. „So sind Personalengpässe vorprogrammiert“, so Wallmeier.


Als Gegenmaßnahme hat die AWO ein Kita-Flexi-Team eingeführt, das kurzfristig dort einspringt, wo die Not am größten ist. Außerdem soll ein Springer-Pool aufgebaut werden, dessen Beschäftigte mit Dienstfahrzeugen flexibel zwischen Einrichtungen wechseln. Doch diese Maßnahmen reichen bislang nicht aus, um Ausfälle wie in Deininghausen aufzufangen. Auch die Ausbildung von jährlich rund 70 Fachkräften stößt an finanzielle Grenzen. Die AWO fordert deshalb, dass Pauschalen künftig direkt an Tarifabschlüsse gekoppelt werden und eine stabile Finanzierung gesichert wird.


Für Eltern wie Jasmin Kasprzak sind diese Erklärungen zwar nachvollziehbar, ändern aber nichts an der akuten Belastung. „Es kann doch nicht sein, dass wir als Berufstätige die Leidtragenden sind. Ich brauche eine verlässliche Betreuung – nicht irgendwann, sondern jetzt.“ Sie fordert mehr Transparenz bei der Vergabe von Kita-Plätzen: „Wäre mir das System damals bekannt gewesen, hätte ich mich für eine andere Einrichtung entschieden. So etwas muss man den Eltern offen sagen.“


Die Diskussion zeigt: Zwischen den rechtlichen Vorgaben und den Lebensrealitäten berufstätiger Familien klafft eine Lücke. Während die AWO um strukturelle Lösungen ringt, fühlen sich viele Eltern alleingelassen. Für sie steht viel auf dem Spiel – nicht nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sondern am Ende auch die wirtschaftliche Existenz.


Die Stadt antwortete auf unsere schriftlichen Anfragen bislang nur kurz mündlich, dass dieses rollierende Verfahren dem Stand der gesetzlichen Vorgaben entspricht. Man sei damit ebenfalls nicht ganz glücklich und prüfe, ob möglicherweise pragmatischere Lösungen denkbar sind.


Ihre Erfahrungen sind gefragt: Sind Ihnen in anderen/städtischen Kitas andere Verfahrensweisen bekannt? Melden Sie sich gerne über unser Kontaktformular oder direkt per E-Mail an redaktion@casnews.de.


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  • Quelle(n): CASNews

Autor

Nils Bettinger

Nils Bettinger

Gründer und Redaktionsleiter.
Hält den Kopf für alles hin.

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